Zu der Autorin Jo Walten hatte ich hier beim ersten Teil der Trilogie schon etwas geschrieben. Der Roman erschien 2015 erstmalig in Deutsch beim Golkonda Verlag Berlin. Nun sind sie gerade dabei, die drei Bücher neu aufzulegen. Ich habe hier also die Neuauflage von 2018. Wie schon das erste Buch bekommt man hier eine schöne Hardcover-Ausgabe, so dass ich gar nicht auf die Idee kommen würde, das Buch mir als eBook zu kaufen.
Der Originaltitel ist „Ha’Penny“. Die englischen Titel beziehen sich alle auf alte englische Münzen (Ein Farthing war ein viertel Penny. Ha’Penny ist also einer halber Penny. Und Half A Crown war eine 2 1/2 – Shilling-Münze). Aber auch die deutschen Titel beziehen sich direkt auf die Geschichte. Die Münzen-Bezeichnung haben auch noch ein Vielzahl von anderen Bedeutungen, die sich eben nicht so einfach in einen deutschen Titel direkt übersetzen lassen, denke ich. Deswegen bin ich hier mit den deutschen Titel mal ausnahmsweise einverstanden. Der erste Roman „Die Stunde der Rotkehlchen“ bezieht sich schon auf ein Wappen der Familie und dem politischen Kreis um ihnen. Im zweiten Roman geht es um einen Bombenanschlag auf den neuen Premierminister, der sich im ersten Roman quasi in diese Rolle hinein gemordet und intigriert hat, und Adolf Hitler, der das erste Mal nach dem Farthing-Frieden die britischen Inseln besucht. Es geht natürlich wieder um Inspector Carmichael vom Scotland Yard. Nachdem er den Mord im ersten Buch nicht wirklich klären dürfte und einige hohe Tiere, wie eben der neue Premierminister ihnen in der Hand haben, weil sie von seinen sexuellen Neigungen wissen, soll Carmichael diesmal einen Bombenexplosion untersuchen bei der eine bekannte Schauspielerin ums Leben gekommen ist. Die Bombe war in ihrem Haus explodiert.
Schnell wird klar, dass dies kein Bombenanschlag war, sondern das in dem Haus der Schauspielerin eine Bombe gebastelt worden war, die dann versehentlich hochgegangen war. Wer könnte dahinter stecken? Vielleicht die jüdischen Terroristen von denen in der neuen Regierung immer gesprochen wird? Neue Gesetze sind in letzter Zeit schnell erlassen worden, die England vor den jüdischen Terroristen und Kommunisten schützen soll. Der Frieden mit dem deutschen Reich, das unterdessen den ganzen europäischen Kontinent unterworfen hat, und nur noch gegen die Sowjets an Ostfront kämpft, soll scheinbar zu einer Partnerschaft führen. Einige Britten machen ihnen Unmut nur hinter vorgehaltener Hand Luft, dass sich Großbritannien langsam auch in ein faschistischen Statt entwickelt. Aber den meisten scheint es egal zu sein. Die Amerikaner sind dabei auch keine große Hilfe. Sie selbst hatten in den letzten großen Krieg nicht eingegriffen und stecken in einer Wirtschaftskrise. Der neue Präsident führt eine harte Linie gegen Schwarze und Juden, so dass die meisten Juden, die es aus Europa schaffen, eher versuchen nach Kanada, Australien oder Neuseeland zu kommen.
Eine kleine Gruppe von Britten und Iren ist sich im klaren darüber, das der neue Faschismus in England nicht mehr lange „nur“ gegen Juden und Kommunisten wenden wird, sondern auch bald auf andere Minderheiten ausbreiten wird. Daher beschließen sie etwas dagegen zu tun.
Wo bleibt nun die Lerche in der Geschichte? Walton hat hier Konzept aus dem ersten Roman hier beibehalten. Die Hauptfigur ist schon irgendwie der homosexuell Inspector Carmichael, der hier wieder in dritter Person in jedem zweiten Kapitel berichten darf. Walton hat sich wieder eine weibliche Hauptfigur für den zweiten Teil der Kapitel ausgesucht. Auch wieder in Ich-form berichtet hier die Schauspielerin Viola Lark von ihrem Zutun um den Bombenanschlag. Sie ist nicht nur irgendeine Schauspielerin, die sich auf die Rolle ihres Lebens vorbereit, einen weiblichen Hamlet zu spielen, und als Bombenlegerin den Premierminister und den Führer zu töten, die die Premiere von HAMLET besuchen wollen. Viola Lark heißt aber eigentlich Larkin (Lerche) und gehört einer alten adligen Familie an. Sie un ihre 6 Schwestern sind ohne wirklichen Kontakt zu der Aussenwelt aufgewachsen. Nicht einmal Privatlehrer hatten sie. Erst hatte ihre Mutter versucht sie zu unterrichten, aber irgendwann haben sie sich selbst unterrichtet. Dabei sind recht unterschiedliche Frauen geworden. Violas ältere Schwester sind wir quasi schon einmal im ersten Buch begegnet. Wenn auch als Tote. Denn sie ist bei einer der Bombardierungen Londons durch die Deutschen umgekommen. Sie war mit dem Mordopfer des ersten Romans verheiratet. Eine Schwester ist mit einen Wissenschaftler verheiratet, der sich als einer der Ersten mit der Atomphysik beschäftigt. Er ist so gut auf dem Gebiet, dass sich sogar die Deutschen für ihn interessieren. Eine weitere Schwester ist schon im deutschen Reich. Sie ist mit Heinrich Himmler verheiratet!
Und dann ist da noch die Schwester die scheinbar eine überzeugte Kommunistin ist und die scheinbar gute Beziehungen nach Moskau hat! Eine explosive Mischung.
Walton hat hier wieder eine sehr spannende Geschichte aufgebaut, die eben wieder in ihrer alternativen Vergangenheit spielt, wie schon FARTHING. Sie hat dies alles wieder mit Finesse ausgebaut und dabei auch wieder eine sehr spannende Geschichte unter 400 Seiten verfasst. Auch dieses Buch kann ich wieder uneingeschränkt empfehlen. Das zweite Buch hat mich genauso begeistert wie das Erste. Im Sommer erscheint das dritte Buch in der Neuauflage. Es war 2016 das erste Mal in Deutsch erschienen.